Übung zum Aufbau einer Beziehung

Wie baue ich eine Beziehung zu einem Menschen, einer Pflanze, einem Tier, der Um­welt oder einem Gegenstand auf? (Diese außen stehenden Bezugspunkte nenne ich nachfolgend Objekte, da sie sich außerhalb des Übenden (Subjekt) befinden.)

Eine Beziehung setzt eine Empfindung zum Objekt voraus. Bei genauer Überlegung steht vor der Empfindung das Interesse, dann ein Gedanke, der sich zum Beispiel in einer Idee oder einer Frage äußern kann. Anhand eines Beispieles möchte ich den Übungsverlauf einmal aufzeigen. Das Objekt ist ein Baum, ein Laubbaum, eine Eiche. Die Übung ist vom Aufbau einer Seelenübung, wie sie z. B. aus der Anthroposophie Rudolf Steiners bekannt ist, abgeleitet.

Erster Teil: Sinnliches Erfassen der äußeren Erscheinung

Der Übende befindet sich vor dem Objekt, dem Baum und stellt beispielsweise fol­gende Betrachtungen an:
Sind Wurzeln zu sehen? Wie sehen sie aus?
Wie ist der Stamm? Gerade, in sich verdreht, schräg gewachsen …
Wie sieht die Rinde aus? Glatt, borkig, geschlossen, aufgerissen …
Wie sind die Äste angeordnet? Symmetrisch, gerade, gebogen …
Wie sieht die Krone aus? Rund, oval, hoch, breit ausladend, symmetrisch …
Wie ist die Form der Blätter? Rund, eiförmig, herzförmig, gewellt, gezahnt …
Wie die Farbe der Blätter? Hellgrün, Dunkelgrün, Rot, Braun …
Sind Blüten oder Samen zu sehen? Wie sehen diese aus?
(Bei einem Baum mit Früchten: Wie sehen die Früchte aus? …)

Eiche
Eiche

Der Baum wird intensiv fragend, erforschend betrachtet. Dieser optische Eindruck ist eine objektive Wahrnehmung durch den Sehsinn. Ein anderer Betrachter könnte sie genauso machen und käme zum gleichen Ergebnis.

Diese Betrachtung kann man mehrere Tagen nacheinander durchführen. Jeweils an­schließend (direkt und/oder am Abend) wird das Erfahrene in einer aufrechten Sitzpo­sition und mit geschlossenen Augen in der Erinnerung zunächst wiederholt, anschlie­ßend lässt man das Bild auf sich wirken.

Zweiter Teil: Tiefere Erforschung

Hat man den ersten Teil absolviert, kommen weitere Fragen und Themenfelder hinzu. Der Übende stellt Überlegungen zum Wert und Nutzen des Baumes an und welche Gabe, welches Geschenk die Natur damit macht.

Welche Tiere leben im und vom Baum? Vögel, Eichhörnchen, Käfer, Spinnen, weitere Insekten, Mikroorganismen … Wie kann der Mensch die Früchte (Eicheln; Bucheckern, Äpfel …) des Baumes nutzen? Obst, Säfte, weitere Getränke wie Frucht- und Getreidekaffee … Haben Teile des Baumes eine Heilwirkung, werden Medikamente damit hergestellt?

Erfassen des Wasserkreislaufes, in den der Baum mit einer ungesehenen Verduns­tungsleistung durch sein Blattwerk eingebunden ist. Verdeutlichung der Photosynthese: Kohlendioxid (CO2), auch vom Menschen durch Abgase erzeugtes, wird in vom Menschen lebensnotwendig benötigten Sauerstoff (O2) umgewandelt. Aspekt des Schattens und der Kühle spendenden Eigenschaft im Sommer bedenken. Nutzung des Holzes für Möbel, Baumaterial, Werkzeuge und Heizzwecke. Optische Bereicherung des Landschaftsbildes. Überlegungen zu einem toten Baum: Er ist ein mannigfaltiger Lebensraum für Mikro­organismen, Pilze, Pflanzen, Unterschlupf für Tiere … Das kann man zum Beispiel in unberührter Natur, in Kernzonen von Biosphärenreservaten oder Naturparks sehen.

Solche und ähnliche Fragen werden durch Überlegungen, Lesen von Lektüre, in Ge­sprächen, durch den Besuch von Ausstellungen, durch Teilnahme an Führungen etc. beantwortet und ergänzen das vorherige Bild des Baumes.

Dieses erweitere Erfassen des Objektes ist ebenso ein objektives, es sind reine sach­liche oder fachliche Informationen, die auch andere erhalten können.

In der vorstellenden Erinnerung des Baumes werden diese Ergebnisse mit eingebaut und vervollständigen das Bild. Sinnvollerweise wird die Übung in einer aufrechten Sitzhaltung mit geschlossenen Augen für einige Minuten praktiziert.

Dritter Teil: Das Verhältnis des Betrachtungsobjektes zu seiner Umgebung

Die Übung kann noch erweitert werden, in dem man sich nicht nur den einzelnen Baum, sondern den Baum im Verbund mit anderen vorstellt. Zum Beispiel in einen Wald, einer Streuobstwiese, einer Allee …

Die Wirkung und Bedeutung des einzelnen Baumes ist nun um ein Vielfaches ver­stärkt und in einem gemeinsamen Wirken mit der Umgebung, es ergeben sich neue Aspekte. Die Bedeutung des Begriffes ″Ökosystem″ kann hiermit bewusster werden. Damit zusammenhängend die Biodiversität, die Vielfalt und das sich ergänzende Zu­sammenspiel in der Natur.

Wirkung der Übung:

Es entsteht ein umfassenderes, komplexeres Bild des Baumes und weiterhin eine Wertschätzung oder ein Bewusstsein für den Wert des Baumes. Dies möchte ich als ein tieferliegendes Gefühl oder eine Empfindung bezeichnen. Man wird an diesem Baum nicht mehr einfach so vorbeigehen oder fahren wie vor der Übung. Es ist eine Beziehung zu dem betrachteten Objekt entstanden.

Diese Übung kann prinzipiell auf die gesamte Umwelt übertragen werden. Beispiels­weise kann man einen Bach mit dem Leben innerhalb und an dessen Ufer betrach­ten, den weiteren Verlauf als Fluss bis zu einem See oder Meer, den Wasserkreislauf, die lokale und globale Bedeutung etc.

Oder ein Tier, ein Insekt wie zum Beispiel die Biene. Deren Leben im Volk (dem Bien), der Orientierung mit Hilfe der Sonne, den Nutzen der Blütenbestäubung, die Produk­te wie Honig, Propolis usw.